Eine Geschichte über Körperrespekt – in zwei Briefen

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Freyas´ Herz bebte. Das Blut rauschte in den Ohren und sie hätte sich am liebsten verkrochen.

Insgeheim hatte sie schon lange Angst davor.

Angst, dass sie aufwachen würde und ihr Körper einfach sagt: Fick dich.

Doch nun wurde ihr alles entgegengeschleudert. Wie in einer Waschstraße bekam sie von links und rechts die nassen Lappen ins Gesicht geklatscht.

Sie wusste nicht was schlimmer war: Der Schmerz, den sie fühlte oder dass sich der ganze Schmerz so lange aufgestaut hat.

Doch sie hörte zu. Nicht, dass sie eine große Wahl gehabt hätte.


Denn vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben war ihr Körper nicht mehr leise. Die in ihr tief verwurzelte Weisheit hatte keine Lust mehr den Mund zu halten und alles zu erdulden.

Liebe Freya,


es reicht mir. Ich kann nicht mehr ertragen, wie du mich behandelst.

Wir müssen reden.


1) Diäten

Wie oft muss du den Scheiß eigentlich noch machen bevor du verstehst, das es nicht funktioniert?

Im Ernst, glaubst du, ich bekomme es nicht mit, wenn du mich unterernährst und du alles dafür tust, das Fett loszuwerden?

Das du verzweifelt jedes Kilo auf der Waage beäugt hast, hat mich fast schmunzeln lassen. Als ob ein 100 g Schokopudding gleich 1 kg Zunahme bedeuten würde. Meine Güte.

So funktioniert das nicht.

Ich sende dir Hungersignale und du ignorierst sie.

Ich sende Sättigungssignale und du möchtest es nicht hören.

Erinnerst du dich noch an diese Kohl- und Salatdiät? Das war wirklich furchtbar. Ach wie du dich gefreut hast, als du 10 kg abgenommen hast.

Und nach wenigen Wochen wieder mehr zugenommen hast.

Was soll ich denn sonst tun? Wer weiß, wie lange du das noch machst?


Ich bin dir nie genug.


Vertrau mir, und ich werde nicht mehr jedes einzelne Fettmolekül festketten wie einen Strafgefangenen. Und bitte, hör auf mir ein Stück Gurke als Schokolade weiß zu machen. Ich habe einige Tausend Jahre Evolution hinter mir und ich erkenne solche „Luftnummern“ schnell.

Was wäre eigentlich gewesen, wenn du nie mit Diäten angefangen hättest?


2) Mobbing

Du hattest grausame Menschen um dich herum im Kindergarten, in der Schule. Ich verstehe das. Und trotzdem warst du der Schlimmste daran.

Keiner konnte mich so fertig machen wie du.

Da zu viele Dellen und Haare.

Hier zuviel Speckfalten.

Du hast garantiert jede „hässliche“ Seite an mir entdeckt und dich gebadet in diesen Hass gegenüber mir, gekrönt von dem Wunsch, in einem anderen Körper aufzuwachen oder dir das Fleisch runterzuschneiden.

Du hast dein eigenes Leiden verstärkt und bist zu einer Komplizin des „Kampf gegen Andersartigkeit“ geworden.

Was glaubst du, wie es mir damit geht, hm? Jeden Tag runtergeputzt zu werden als wäre ich Trump höchstpersönlich. Ja keine nette Zeile verlieren.

Bist du stolz auf dich, ja?

Die Nazis wären sicher stolz auf dich gewesen. Mit so einem Hass gegen jemanden vorzugehen, nur weil er nicht in dein Weltbild passt.


3) Emotionen

Du hast an einem bestimmten Punkt gelernt, das es nicht klug ist, seinen Emotionen Raum zu geben. Die gesellschaftliche Missachtung gegen „negative“ Gefühle hat seinen Tribut bei dir hinterlassen. Doch hast du eine Sache nicht verstanden: Egal wie oft du deine Gefühle unterdrückst, sie sind da. Sie brodeln in mir, gut versteckt.

Du musst lernen, wieder zu fühlen.

Dann brauchst du keine rießigen Chipspackungen, die zwanghaften Einkäufe im Internet, die ständigen Beschwerden über andere Menschen.

Sondern schaust auf dich.


4) Sex

Gib´s zu, du hast Sex für mehr als nur den Sex selbst benutzt.

Für Anerkennung. Für Liebe. Für Nähe. Für das Gefühl, dass du doch etwas wert bist auch wenn es mit jemanden ist, der dich nicht wertschätzt.

Ich habe jedes Mal gespürt, wenn du über Grenzen gegangen bist. Sex mit jemanden, den du eigentlich gar nicht mochtest, Penetration obwohl du nicht bereit warst, Gefälligkeiten damit dein Gegenüber zufrieden ist. Jedes Mal hat sich das Herz weiter verschlossen.

Spüre mein Nein. Sage es.

Du bist niemanden etwas schuldig außer dir.


5) Meine Weisheit

Dir ist bestimmt auch schon aufgefallen, dass die Welt immer komplizierter und vielschichtiger wird. Du versuchst zu analysieren, zu planen und mir traust du nicht über dem Weg. Dabei kommt deine Intuition aus mir. Ich bin dein Wegweiser in diesem Dschungel der Überforderung.

Lerne, wieder auf mich zu hören.

Spüre deinen wahren Sinn in diesem Leben, deine Lebensfreude und hör auf, diese Dinge wie ein Junkie mit zuviel Arbeit, oberflächlichen Sex und Konsum zu ertränken.


In Hoffnung,

Dein Körper

Von Freyas Wangen tropften im steten Strom die Tränen.

Aufwühlendes Chaos regierte in ihr wie eine Orkanböe durch den Laubhaufen.

Und plötzlich war ihr klar, dass ihr Körper schon öfter am Rockzipfel ihres Verstandes gezupft hatte.

Die regelmäßig auftretenden Bauchschmerzen wenn sie zur Arbeit ging, die Müdigkeit bei anderen Menschen, die unergründlichen Weinanfälle.

Sie musste darüber schlafen. Verstehen, was es für sie bedeutete, mit ihrem Körper an einem Strang zu ziehen.


Immerhin habe ich bis hierhin überlebt dank meinem Körper, dachte sie noch bevor ihr Verstand langsam wegdämmerte.


Liebe dich. Und deine Lust.

signature_jessica

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